Buenos Aires mutet auf den ersten Blick europäisch an. In langen Fußgängerzonen finden sich alle Geschäfte mit Rang und Namen. Im Zentrum der argentinischen Hauptstadt erinnern öffentliche Bauten – vom Kongress bis hin zur Casa Rosada, deren Balkon durch die Auftritte von Evita berühmt wurde, – und große Wohnhäuser aus dem 19. Jahrhundert gar an Paris. Doch erst ein Streifzug durch die verschiedenen Barrios der Metropole enthüllt ihren wahren Charakter.
Steinerne Mausoleen stehen auf dem Friedhof im schicken Stadtteil Recoleta dicht gedrängt, bilden enge Gassen, über die Engel und allerlei Heiligenfiguren wachen. Morsche Türen, von denen der Lack schon lange abgeblättert ist, verbergen die dahinter liegenden Särge. Zerbrochene Fensterscheiben enthüllen hier und da verstaubte Urnen. An einigen Stellen haben sich Pflanzen im bröckligen Putz der alten Grabmäler eingenistet. Katzen liegen auf den Steinen in der Sonne und weichen ihren ehemaligen Besitzern nicht von der Seite. Ausschließlich Angehörige der argentinischen Elite werden hier prunkvoll zur letzten Ruhe gebettet. Überall schlendern Touristen umher und bestaunen die kleinen Kirchen, die mal in schlichtem schwarzen Marmor gehalten sind und manchmal mit römisch anmutenden Säulen und riesigen Kreuzen verziert sind. Über dem Gelände liegt eine Friedhöfen eigene Ruhe. Die Stimmen der Besucher sind gedämpft und das Klicken der Kameras vermehrt sich nur vor dem einfachen Grab der berühmten Evita.
Hinter den großen Friedhofstoren herrscht plötzlich geschäftiges Treiben. Die Touristen lachen wieder. Die Einheimischen preisen an kleinen Marktständen landestypische und –untypische Waren an. Farbenfrohe Tango-Bilder, Holzspielzeug, bunte Strickwaren, Schmuck und günstige Lederartikel aller Art wetteifern um das Geld der Touristen. Die Verkäufer sind freundlich und plaudern lieber als zu handeln. Einige Jongleure üben ihre Tricks, Kinder tollen umher. Die Geschäfte gehen gut – gleich zwei Geldautomaten sind bereits am frühen Nachmittag leer. Etwas abseits hat eine Band ihre Musikinstrumente aufgebaut und animiert die Zuhörer mit schnellen Rhythmen zum Mittanzen und –klatschen. Die Menschen sitzen im Gras, schlürfen Cocktails oder nippen an ihren Bierflaschen. Buenos Aires zeigt sich in Recoleta von seiner gelassenen Seite.
Lebhafter und ausgefallener präsentiert sich das einstige Künstlerviertel San Telmo. Auch hier zieht ein Markt, der die engen Straßen aus Kopfsteinpflaster säumt, wahre Touristenhorden an. Die echte Attraktion sind aber nicht die angebotenen Waren, sondern die kunterbunte Mischung an Menschen, sie sich in dem regen Treiben zwischen den gealterten Herrenhäusern etwas dazu verdient. Sobald der bekannte Antiquitätenmarkt auf der kleinen Plaza Dorrego abgebaut ist, übernehmen brasilianische Trommel- und bolivianische Tanzgruppen den Platz. Mit lauten Rhythmen, Trillerpfeifen und Mädchen, die ihre Hüften schwindelerregend schnell schwingen lassen, locken sie ihre Zuschauer in Windeseile an. Einige Meter weiter bewegen sich Tänzer aller Schichten und Altersgruppen mehr oder weniger graziös zu sanften Tangoklängen. Die Pausen zwischen den Musikstücken werden vom Applaus der Touristen gefüllt, die dicht gedrängt ihre Kameras zücken, um eine Atmosphäre festzuhalten, die es so wohl nur in Buenos Aires gibt.
Die Straße hat sich im Laufe des Tages zwar geleert, an jeder Ecke versammeln sich aber auch spät abends noch vor allem junge Menschen, um echte Unikate zu bestaunen. Ein Alleinunterhalter, der seine Gitarre, Trommel, Rassel und allerlei andere Instrumente mit Bob Dylan-Texten zu übertönen versucht, wird frenetisch bejubelt. Ein Künstler, der sich von Bob Marley-Klängen inspirieren lässt, hat eine kleine Fangemeinde um sich versammelt. Im Schneidersitz warten die Zuschauer geduldig darauf, dass die Spritz- und Schmiertechnik des jungen Mannes, dessen Kleidung kaum von seinem Gemälde zu unterscheiden ist, zu einem Ergebnis führt. Lebenskünstler, kreative Köpfe und leidenschaftliche Tango-Tänzer scheinen in diesem Viertel zusammen zu kommen, um den Touristen das Südamerikagefühl und die Lebensfreude zu vermitteln, die sie in Buenos Aires suchen.
Caminito kündigt sich schon einige Querstraßen vor der eigentlichen Touristenattraktion mit vereinzelten bunten Häusern an. Die zwei Straßen im Arbeiterviertel La Boca selbst sind aber so farbenfroh, dass sich Besucher unwillkürlich fragen müssen, ob sie in einem Vergnügungspark gelandet sind. Die Häuser strahlen in leuchtendem Blau, Gelb und Rot, lokale Künstler stellen ihre grellen Werke aus, Restaurants werben mit riesigen Tango-Schildern und entsprechenden Tanzeinlagen um Gäste, lebensgroße Fußballerfiguren aus Pappmaché locken Kunden in die ewig gleichen Souvenirläden und schmucke Tänzer stehen den Touristen als
Fotomotiv zur Verfügung. An die Wellblechfassaden der einfachen Gebäude haben die geschäftstüchtigen Anwohner Balkone mit winkenden Figuren angebracht. Jedes Haus im armen Hafenviertel ist ein Foto wert und so werden die knipsenden Stop-and-go-Touristen fast permanent von den Angestellten der verschiedenen Restaurants und anderen Dienstleistern – bis hin zum Diego Maradonna-Double – auf Schritt und Tritt verfolgt.
Palermo Viejo, ein kleiner Teil der grünen Yuppie-Oase Palermo, gilt als Ausgehmeile der argentinischen Hauptstadt. Das alte Palermo lockt nicht nur mit seiner Partyatmosphäre Besucher an, sondern verführt auch mit kulinarischen Genüssen. Das von der Backpacker-Bibel „Lonely Planet“ als bestes ausgegebene Steakhaus „La Cabrera“ ist bei Touristen und Einheimischen gleichermaßen beliebt. Die Wartezeit kann sich locker eine Stunde hinziehen – dafür gibt es ein Gläschen Sekt und einen Snack aufs Haus. Wer endlich einen der begehrten Tische ergattert hat, für den hat sich das Warten gelohnt. Rund zehn Euro kostet hier ein 400-Gramm-Steak inklusive verschiedener kleiner Beilagen und Saucen. Die Tische drohen unter dem Gewicht der aufgetischten Speisen zusammen zu brechen und die Gäste stöhnen vor lauter Völlegefühl bevor sie sich ins rege Nachtleben der Hauptstadt stürzen. In unzähligen Bars treffen Ausländer und Einheimische aufeinander, um das internationale Flair der Metropole in sich aufzunehmen.
Erst wenn in den frühen Morgenstunden der Heimweg angetreten wird, offenbart Buenos Aires seine rauhe Seite. Straßenkehrer in gelben Warnwesten fegen ganze Müllberge zusammen, mit allerlei Kritzeleien beschmierte Mauern umgeben heruntergekommene Wohnblocks, Obdachlose schlafen in Hauseingängen. Der Charakter der Stadt ist vielschichtig – mal sanft und ruhig, mal stürmisch und leidenschaftlich, bunt und verrückt, dann wieder wohlerzogen und welterfahren, aber eben auch schäbig und trist. Gerade wegen dieser Mischung aus europäischer Kultiviertheit und südamerikanischem Chaos verfällt fast jeder Besucher dem Charme von Buenos Aires.

























